>>10.09.2010 12:50:38 :3366. Tag seit Projektbeginn :: 58843 km seit 23.7.2002
341.-347. Tag | 30.05.2002-05.06.2002
Großbritannien - Belgien :: Mit dem Segelboot
Die Tage in Falmouth gaben dem geplanten weiteren Verlauf eine unerfreuliche Wendung und warfen das stehende Programm für den Monat über den Haufen. Ich spiele mit dem Gedanken das Reiseprojekt aufzugeben.

Tagebuch
341-Großbritannien - Belgien :: Mit dem Segelboot  

Galerie:
Das Modellhaus
Der Kirchturm
Das Letzte
Der rote Traditionssegler
Das Fort im Meer - Nahaufnahme
Der Hafenblick in Falmouth
Das Getümmel
Die Hafensicherung
Das Falmouth Hotel
Der Festungseingang
Union Inn & Union Jack
Das Anwesen
Farbenfrohe Häuserfronten
Die Flussmündung
Die Natursteinkirche
Der Hafenschutz
Die Nadeln
Der Hinterhof
Die Ebbe
Das Mauerblümchen
Der Däne & der Deutsche
Die Klippen
Das Fort im Meer
Das Natursteinanwesen
Die Verpackung
Der Robbentreff
Der Aufgang
Dangerous Cliffs
Das Stadtbild
Brügge 2002
Die Gibeldächer
Der alte Eisverkäufer
Die Kutsche
Die Kanalhäuser
Der Eingang

341 .-348 .Tag | 30.05.2002 -06.06.2002 | Etappe: Falmouth / England-Oostende / Belgien
Großbritannien - Belgien :: Mit dem Segelboot

Schneller als geplant zieht die MARIE LOUISE nun die englische Küste entlang, über den Ärmelkanal an der kontinentalen Nordseeküste entlang. In Oostende steige ich von Bord.
 

Da waren wir nun wieder in Good Old Europa, bzw. Good Old England, nein in Good Old Cornwall wie man an der Regionalflagge - weisses Kreuz auf schwarzem Grund - sehen kann. Wieder saftiges Gruen und Blumen in allen Farben, riesige Yucca aehnliche Palmen in vielen Vorgaerten, Balsam fuer die Augen nach dem wiederholten Blau und Weiss der letzten Tage. Die Suedwestecke Englands ist landschaftlich wirklich sehr reizvoll, ist es nicht? Zumindest wenn es nicht regnet und die Sonne scheint.

Ich bin froh das grosse Wasser hinter mir gelassen zu haben und habe erst einmal genug von langen Boottrips - vor allem von Uebernachtfahrten. Ich freue mich nun auf ein langsames Hochjuckeln entlang der Kuesten, viel unterwegs zu sehen und zu fotografieren um dann mehr oder weniger um den 21. Juni in Schweden zu sein, zeitig zu deren Mitsommerparty in der Naehe Goeteborgs zu der ich auch geladen war. Alles geographisch und zeitlich perfekt um dann auf das Boot CANDELA zu wechseln, deren netter Skipper Bjoern mich in St. Martin eingeladen hatte mit ihnen ueber die Kanaele von Goetheborg nach Stockholm zu fahren, angeblich eine der schoensten Kanalwege der Welt (oder zumindest Schwedens). Nach einem schliesslich ermuedenden Monat auf See nun die Belohnung in Form eines schoenen, bereits ganz organisiertem und finanziell abgesicherten Monats, einer Zeit in der ich mich nicht darum kuemmern musste wo ich unterkommen, wo essen, wie vorwaertskommen und v.a. wie ich Arbeit finde um dieses auch zu bezahlen. Ein wenig Erholung und Vorbereitung auf die Zeit in Stockholm.

Dort wollte ich mich ein wenig vom Reisen ausruhen, hoffentlich Bekanntschaften und Freundschaften schliessen zu Leuten, die man auch am naechsten Tag und in der naechsten Woche noch wiedersieht oder von alten Freunden besucht werden kann und v.a. um eine relativ gut bezahlte Arbeit zu finden, die es erlaubt auch genug Geld anzusparen um danach eine laengere Zeit zu reisen, ohne dass man staendig jeden Pfennig umdrehen muss. Dies uebt zwar Organisationstalent und Kreativitaet, ist auf Dauer aber ziemlich anstrengen und ermuedend. Der Aufwand vor Ort in einem fremden Land gleichzeitig Kost, Logie und Arbeit zu finden und gleichzeitig ein soziales Umfeld aufzubauen kosten in sich selbst Zeit, Geld und Energie und steht so in einem nicht so guten Verhaeltnis zu dem was man bei einer einmonatigen und daher auch nicht so berauschend bezahlten Arbeit dann verdienen kann. In Suedfrankreich war das Verhaeltnis noch sehr gut, auf der Ueberfahrt von Gibraltar nach England in Ordnung, auf St. Martin war es nicht mehr so gut, so dass ich mich dort entschieden hatte beim naechsten Mal eine laengere und besser bezahlte Arbeit zu suchen um dann mit dem Geld laenger sorgenfrei zu leben und zu reisen. Schweden ist hierfuer vielleicht das richtige Land dachte ich mir nachdem sich aus dem Gespraech mit den Leuten der MARIE LOUISE sich die oben beschriebene Perspektive ergab.

So machte ich dann mit dem schwedischen Boot die Vereinbarung ihnen bei der Atlantikueberquerung zu helfen, welche insgesamt 23 Tage von St. Martin bis Falmouth und noch einmal ca. 5 Tage fuer die Vorbereitung des Bootes auf St. Martin in Anspruch nahm. Eigentlich war das ja nicht wirklich meine Reiserichtung und besonders erpicht eine laengere Zeit auf dem Meer zu verbringen war ich auch nicht, aber einen Monat Arbeit fuer einen Monat Urlaub das war ein guter Plan und der Deal war gemacht. Ihr ahnt schon was jetzt kommt. Zumindest dachte ich, dass dieser Plan und deal klar war. Eine schriftliche Vereinbarung haben wir leider nie gemacht. Aber als wir in Falmouth ankamen, interessanterweise genau dann und dort wo die Altantikueberquerung endete und ich meinen Teil des deal erfuellt hatte, aenderten sich auf einmal schnell die Plaene, zumindest so wie sie mir dann bekannt wurden. Je mehr sich Per-Olof und Gun ihrem Zuhause und der Moeglichkeit ihre Kinder, Familie und Freunde wiederzusehen, desto schneller wollten sie dorthin, - v.a. die Frau. Und - durchaus nicht unverstaendlicherweise - wurden sie auch muede ihr kleines Boot, welches im letzten Jahr ihr zuhause war, mit Anderen zu teilen. Wer hat schon gern fremde Leute fuer ueber einen Monat auf seiner Wohnzimmercoach schlafen.

So war der neue Plan nun bis zum 8. Juni den Kieler Kanal zu erreichen, was im Grunde bedeutet fast die ganze Zeit, Tag und Nacht zu segeln und dann jeden vom Schiff zu bekommen, so dass sie es dann wieder fuer sich selbst haben, so dass sie dann, wieder in geruhsamerem Tempo, nach Schweden weiterfahren koennen. Um eine schnelle und sichere Ueberfuehrung zu gewaehrleisten wurde ploetzlich sogar einen fuenfte Person, der Bruder unseres vierten Crewmitglieds an Bord willkommengeheissen. Waerend ich in St. Martin vor der Ueberquerung noch eine Stimme bei der Auswahl der weiteren Bootsmitglieder hatte, wurde ich diesmal vorher nicht einmal informiert. Der neue Plan kam Morton und seinem Bruder Nils sehr recht, da sie beide am 8. zur Arbeit zurueck in Daenemark sein mussten und ihre Motivation ist moeglichst viel zu segeln. (Daher bin ich auch nicht ganz sicher inwieweit sie selbst auf den neuen Plan eingewirkt haben).Natuerlich habe ich nichts dagegen, das der neue deal ihnen gut auskommt, sie sind beide nette Personen und gute Segler und daher gute Gesellschaft, aber der neue Plan kommt natuerlich mir nicht recht. Aber der schoene, bereits ganz organisierte und finanziell abgesicherte Monat, die Zeit in der ich mich nicht darum kuemmern musste wo ich unterkommen, wo essen, wie vorwaertskommen und v.a. wie ich Arbeit finde um dieses auch zu bezahlen verwandelte sich in eine weitere Ueberfuehrung die dann am 8. Juni in Deutschland geendet haette. Morton bot zwar noch an mich mit dem Auto nach Kopenhagen zum Bahnhof zu fahren von wo ich dann einen Zug nach Schweden haette nehmen koennen. Aber was dann tun die zwei Wochen bis man auf das andere Boot springen kann um ueber die Kanaele weiterzufahren. Auch von der Mitsommerparty war auf einmal nicht mehr die Rede.

Dies hatte nun nichts mehr damit zu tun was ich als Gegenleistung fuer meinen Einsatz erwartete. Ich war verstaendlicherweise not amused. Aber ich habe versucht verstaendnisvoll zu sein, dass sie ihren Teil der Abmachung nicht einhalten koennen oder wollen, aber dann kann man wenigsten erwarten eine akzeptable Alternative angeboten zu bekommen. A deal is a deal. Eine gute und akzeptable Alternative waere gewesen auf die CANDELA zu wechseln, wo ich Leute kenne die ich kenne und mag und daher annehmen kann, dass die Fahrt interessant ist. Wir waeren auch zu Mitsommer in Schweden ankommen, haetten uns zwar mehr beeilen muessen, aber dafuer haette ich dann nicht mit den ganzen Sachen das Boot wechseln muessen.

Jedoch fuhr CANDELA erst am naechsten Tag von den Azoren ab und lag daher 10 Tage hinter uns. Ihr Ziel war Cherbourg. Per-Olof waere zwar bereit gewesen nach Cherbourg zu fahren, aber nicht eine Unterkunft fuer die Wartezeit dort zu bezahlen. Da ich also dort ca. 10 Tage haette ueberbruecken und bezahlen muessen und es auch noch nicht sicher war ob noch ein Platz frei sein wuerde oder nicht, war es also keine Alternative.

Dann gingen sie auch dazu ueber zu sagen, dass ihr Teil des deals im Grunde genommen nur war mich nach Schweden zu bekommen und ich doch mit dem neuen Plan oder einer Moeglichkeit mit einem aelteren Schweden, den ich zwar auf den Azoren gesehen aber nie mit gesprochen hatte und der einige Tage hinter uns lag und alleine mit seinem kleineren Boot nach Stockholm weiterfuhr zufrieden sein muesste. Aber wer arbeitet schon einen ganzen Monat um irgendwie von England nach Schweden zu kommen, trampen haette nichts gekostet und selbst ein Zug- oder Busticket kostet nicht viel mehr als 150 Euro. Da moechte doch keiner den Stundenlohn ausrechnen.

Darueber hinaus merkte ich wie sie sogar ungehalten wurden, dass ich mich nicht so einfach abspeisen lassen wollte. Da stand ich nun am Sonntagabend den 02.06. in Falmouth, die Nachricht von der CANDELA hatte diese Alternative zerschlagen und die MARIE LOUISE wollte am naechsten Morgen weiterfahren und es kam auch keine Initiative mehr von ihnen eine andere Loesung zu finden. Friss oder stirb. Ohne Vertrag und auf deren Boot lebend war ich natuerlich auch nun in einer schwachen Position. Was tun?

Am Vorabend war ich mit drei Norwegern, die wir auch schon auf Horta getroffen hatten, spaeter auf ihrem Boot versumpft - ein netter Abend. Sie boten mir spontan an mit ihnen am naechsten Tag nach Oslo zu fahren. Ueber deren Angebot habe ich mich sehr gefreut, bot es wieder einmal einen Ausweg. Aber auch sie wollten moeglichst schnell weiter und es haette sich dann auch wieder ein zu ueberbrueckendes raeumliches und zeitliches Loch zum Anschluss an CANDELA ergeben.

Alles nicht so ideal und nach der langen Ueberfahrt und den entschaeuschenden Tagen in Falmouth war die Luft auch ein wenig raus. Somit entschloss ich mich schliesslich die Naehe zur Heimat zu nutzen um erst einmal fuer einige Zeit nach Hause zu gehen um in Ruhe zu ueberlegen wie es nun weitergehen soll.

Ich habe fertig?

Falmouth - Oostende - Bruegge - Muenster. Mit Per-Olof vereinbahrte ich dann am naechsten Morgen, dass ich in Oostende, Belgien vom Boot gehen wuerde, und er mir die eingesparte Verpflegung in Form von 100 englischen Pfund auszahlen wuerde. Nicht das goldene vom Ei, aber besser als die anderen Optionen. Somit war ich ihren neuen Plaenen sehr entgegengekommen und habe selbst zurueckgesteckt.

Anstelle jedoch ueber die neue Regelung gluecklich zu sein, war Gun auch noch sauer auf mich, und ich konnte dies nicht nur an ihren Augen und Verhalten ablesen, sondern erfuhr dies sogar auch durch die kalte Verabschiedung einer anderen Bootsbesatzung mit der sie am Morgen gesprochen hatte und mit denen ich mich am Abend vorher noch gut unterhalten und von Lotta einen guten Tipp zu Arbeitsmoeglichkeiten in Stockholm bekommen hatte. Ueberschwengliche Dankbarkeit hatte ich ja gar nicht erwartet, aber das sie auch noch anfing neben der weitestgehenden Nichteinhaltung ihres deals auch noch die ersten Kontakte zu Leute aus meinem naechsten geplanten laengeren Stopp zu beschaedigen, da war ich dann wirklich wieder nicht amused.

Da fuhren wir nun wieder raus auf die See fuer die naechsten Tage, zunaechst die suedenglische Kueste entlang. Fuenf z.T. muede und angenervte Menschen in einem kleinen Boot, wovon zwei sich nicht einmal sehen koennen. Aber - und da wird der Erlebnispaedagoge unter unseren Newsletterlesern sicherlich zustimmen - unter diesen Umstaenden gibt es nur zwei Moeglichkeiten: entweder einer schwimmt oder man setzt sich zusammen und versucht das Problem zu loesen. Da die Wassertemperatur bei 15 Grad lag, habe ich mich am naechsten Morgen fuer die zweite Variante entschieden und Gun um Aussprache gebeten. Und hier muss ich zu ihrer Ehrenrettung sagen, dass sie sich verstaendnisvoller zeigte, als ich es zu diesem Zeitpunkt gedacht haette. Sie gestand einerseits ein, dass sie verstehen koennte warum ich sauer und enttaeuscht bin und anderseits, dass einige Dinge, wie das Nichtbenachrichten ueber ein neues Besatzungmitglied und damit zusammenhaengende Planaenderungen, nicht gut gelaufen seien. Somit war die Luft etwas geklaert und man konnte die Erleichterung der Anderen, v.a. vom Skipper Per-Olof spueren.

So ging es dann an diesem Nachmittag durch den Solent, der die Insel Wight von Grossbritannien trennt und als Wiege des englischen Segelsports bezeichnet wird. Und wirklich, sobald wir uns von der Flut mit knapp 2 Knoten in diese Seeenge saugen liessen, wimmelte es um uns herum von Segelbooten. Ein Abstecher nach Cowes auf der Insel Wright gab uns zwei Stunden festen Boden unter die Fuesse, bevor es weiterging. Am naechsten Morgen kamen wir zu den weissen Klippen von Dover die jedoch aufgrund von Nebel und Regen nicht fotogen in Szene gesetzt werden konnten. Zum Glueck lichtete sich der Nebel und der Regen hoerte auf, als wir zur Ueberquerung des Aermelkanal und somit der Schifffahrtstrennungszonen. Man sieht ein Frachtschiff oder Tanker nach dem anderen in wenigen Meilen hinter oder nebeneinander herfahren. Man sieht z.T. zehn und mehr zur gleichen Zeit. Bei guten Sichtverhaeltnissen laesst sich gut zwischen ihnen herfahren. Aber mir wurde ein wenig mulmig als ich mich erinnere, dass wir letzten Oktober durch diese Fahrzeugschlange ohne Radar und aufgrund dicksten Nebels voellig blind mit unserem kleinen und daher auch vielleicht schon einmal schneller vom Radar uebersehbaren 30 Fuss kleinen Segler gefahren sind. Bei Einbruch der Dunkelheit kommen wir in Oostende an.

Das Verhaeltnis hatte sich bis hierher sehr gebessert. Per-Olof versprach von Schweden eine Referenz zu schicken und gab mir die Adresse ihrer Tochter und ihres Freundes in Stockholm. Wer weiss, vielleicht ergibt sich ja spaeter hieraus etwas Gutes, was den Einsatz der Atlantikueberquerung lohnenswert werden laesst. Gern wuerde ich natuerlich den guten Eindruck den ich von ihnen waerend der ersten Wochen hatte in Erinnerung behalten, und die letzten beiden Tage geben dazu Hoffnung. Wir werden sehen.