>>08.09.2010 20:44:39 :3364. Tag seit Projektbeginn :: 58843 km seit 23.7.2002
157.-176. Tag | 27.11.2001-16.12.2001
Kanaren - St. Lucia :: Atlantiküberfahrt O - W
Mit der ARC ging es auf einem ungarischen Segelboot von Las Palmas auf den Kanarischen Inseln in 22 Tagen über den Atlantik nach St. Lucia in der Karibik

Tagebuch
157-Überfahrt :: Las Palmas - St. Lucia  

Galerie:
Dinghiheitzer
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Miiklos
Schiffsdetail
Das Vorsegel der ILONA
Der Profisegler
die Positionsbestimmung
Ein kleiner Wal
Das Ziel der Atlantiküberquerung
Einsame Begegnung
Magda in der Abendsonne

157 .-176 .Tag | 27.11.2001 -16.12.2001 | Etappe: Las Palmas-St. Lucia
Überfahrt :: Las Palmas - St. Lucia

Wir stoßen mit 234 anderen Segelbooten der ARC in See und brauchen 22 Tage für die Atlantiküberquerung.
 

Gestern war ich am fruehen Nachmittag in der Marina von Las Palmas auf Gran Canarias angekommen.

Hunderte von Schiffen liegen hier und bilden einen grossen Mastenwald. Ueberall herrscht geschaeftiges Treiben: Verpflegungskisten und Wasserflaschen werden herangeschafft, Obst und Gemuese auf dem Pier gewaschen, letzte Inspektionen und Reparaturen erledigt und der Proviant verstaut. In zwei Tagen startet die 5. ARC Atlantic Rally for Cruisers 2001. 235 Segelboote unterschiedlicher Klassen sind offiziell angemeldet: Die Briten stellen mit 110 Schiffen fast die Haelfte der Teilnehmer. Es folgen die Deutschen mit 32, die USA und Norwegen mit je 15, Frankreich 8, Niederlande und Italien mit je 7, Finnland 6, Schweiz 5, Irland 4, Kanada und Ungarn mit je 3 und jeweils ein Schiff kommt aus Belgien, Spanien, Portugal, Japan, Estland, Russland, Daenemark und Malta. Aber weitere Boote nutzen die Gelegenheit und ueberqueren den Atlantik zur gleichen Zeit. Ende November, Anfang Dezember ist die beste Zeit: Die Hurricane Saison ist soeben vorbei, die Passatwinde befinden sich am noerdlichen Wendekreis und das Wetter ist meist recht stabil und gut.

Um 13:00 ist offizieller Start und die Boote sammeln sich vor der Hafenausfahrt. Schiffe wohin man schaut. Die See ist ein wenig rauh und es blaesst ein guter Wind. Der Kapitaen schafft es gleich die Genova, das Vorsegel, zu verheddern und so muessen wir gleich in dem Geschaukel auf dem Schiff herumturnen um das Vorsegel zu reffen. Zuviel fuer meinen sensiblen Magen. Der Orangensaft tritt prompt den Rueckwaertsgang ein. Zum Glueck geht es jedoch nicht auf die Tiefen des Fruehstuecks und somit feste Bestandteile zurueck, was laestiges Kratzen im Hals erspart. So schaue ich mir also den Beginn der Regatta aus Bordrandnaehe an und bin ausreichend damit beschaefftigt mich krank zu fuehlen und verlorene Fluessigkeit nachzufuellen um eine Dehydrierung zu verhindern. Bis zum spaeten Nachmittag ist noch froehlisches Farbenspeien angesagt: orange, schwarz, kristallklar, je nachdem ob vorher Orangensaft, Cola oder Wasser den bisherigen Verlust ausgeglichen haben. Am Abend positive Werte im koerperlichen Wasserhaushalt und am naechsten Morgen wird wieder feste Nahrung aufgenommen. Zum Glueck bin ich auch am zweiten Tag noch von Wachen befreit und liege apathisch in der Koje und frage mich ob diese Form des Reisens wirklich eine gute Idee war.

Am ersten Tag stossen zwei der Segelyachten mit Walen zusammen. Eines der Boote traegt leichten Schaden davon. Zusammenstoesse mit Walen und mit herumtreibenden, ueber Bord gegangenen Containern sind heutzutage die groesste Gefahr fuer Segelschiffe. Die ersten Tag blaesst der Wind aus Nordost, Ostnordost mit Windstaerken um 5, ideal fuer die erste Strecke Sued, Suedwest in Richtung kapverdische Inseln. So schaffen wir in den ersten Tagen um die 150 Seemeilen taeglich obwohl wir nicht unter vollen Segeln fahren. Am dritten Tag geht es mir immer noch ein wenig schwummerig, aber die Schonzeit ist vorbei und wir teilen uns zu viert die Tag- und Nachtwachen.

Zu Beginn der Reise herrscht Vollmond und da es meist wenig bewoelkt ist, haben wir nachts ueberwiegend gute Sicht. Der Autopilot steuert das Boot und so muessen wir nur gelegentlich einige Knoepfe druecken um den Kurs zu korrigieren oder die Stellung der Segel aendern - je nach etwas willkuehrlichen Eingebungen des Skippers. Die Tage vergehen, Routine stellt sich ein. 12 Stunden Tag, 12 Stunden Nacht. Nach sechs, sieben Tagen biegen wir weiter nach Westen ab. Passatwinde und Golfstrom schieben uns von achtern in Richtung Westen. Die Windstaerke betraegt meist zwischen 10 - 20 Knoten, plus die Bootsbeschwindigkeit von 5 - 7 Knoten.

Am 03.12. schiesst auf einmal waehrend meiner Nachtwache eine Leuchtrakete an steuerbord in die Hoehe. Jemand in Seenot? Es war keine rote und somit kein Notzeichen. Aber vielleicht sind die roten Leuchtraketen bereits ausgegangen. Der verstaendigte Kapitaen zeigt sich schnell ueberfordert und weiss nicht recht was er tun soll. So machen wir letztendlich gar nichts. Der Skipper setzt sich an sein Funkgeraet waehrend wir uns weiter vo der Stelle entfernen. Andere Boote in der Naehe steuern die vermutliche Abschussstelle an. Es stellt sich nachher heraus, dass die Rakete wahrscheinlich von einem auftauchenden U-Boot stammte, aber die Unschluessigkeit des Kapitaens in dieser Situation laesst uns drei an seiner Kompetenz zweifeln, sowohl der seglerischen als v.a. auch seiner sozialen.

Das Klima an Bord war allgemein gut, aber der Skipper schaffte es immer wieder die Atmosphaere unnoetig zu belasten. Selbst einem Neuling wie mir faellt schnell auf, das er kein guter Segler und v.a. kein guter Kapitaen ist. Dies waere an sich auch kein Problem gewesen, da wir mit Miklos einen erfahrenen Segler an Bord hatten und in guter Teamarbeit haette man das Schiff sicher schon sicher, bequem und zuegig ueber den Teich gebracht. Aber der Skipper versuchte fehlende Kompetenz und v.a. seine Angst durch autoritaeres Auftreten und Befehle die oft widerspruechlich waren zu ueberdecken: So mussten wir tagelang durch die See schaukeln - oftmals 30 Grad nach links, 30 Grad nach rechts - weil er das Hauptsegel, welches dem Boot mehr Stabilitaet gegeben haette, nicht aufziehen wollte. Problem war, dass der Vorschlag von Miklos und nicht (zuerst) von ihm kam, er ihn als zurueckweisen musste. Der Skipper war auch sehr aengstlich, konnte die gesamte Ueberfahrt selbst kaum schlafen und sah in jeder dunklen Wolke gleich gefaehrliche squalls, Regenwolken mit gelegentlich staerkeren Windgeschwindigkeiten. Wir fuhren daher meist unter recht wenig Segel, einige Naechte sogar nur mit der Jib, obwohl das Wetter meist gut und ueberwiegend konstant war. Andererseits, in einer anderen Nacht, in der Wind und See wirklich etwas bewegter, der Himmel bewoelkt und regnerisch und die Sicht wegen Neumond nur sehr gering war, hatten wir mehr Segel aufgezogen, aber ich durfte ich Positionslichter und das Radar, mit dem man nicht nur andere Schiffe, sondern v.a. auch squalls in einem Umkreis von ca. 24 Seemeilen haette sichtbar machen koennen, nicht anstellen, da der Kapitaein an diesem Tag auf seinem Energiespartrip ist, waherend er selbst an anderen Naechten sich die Zeit dadurch vertreibt, dass er jedes Schiff in Funkreichweite anfunkt, was eine Menge Energie verbraucht. Von diesen Geschichten gaebe es viele zu erzaehlen, aber wozu? Wir haben versucht uns zu arrangierten.

Bei einer Atlantikueberquerung um diese Jahreszeit passiert eigentlich nicht sehr viel: wochenlang nur Wasser um einen herum, tage- oder wochenlang sieht man keine anderen Schiffe. Nicht einmal Positionslichter bei sternklarster Nacht. Das Wetter ist meist stabil, Stroemung und Wind schieben einen meist in die gleichte Richtung: Westen. So werden die Mahlzeiten zum Highlight des Tages. Dennoch gibt es einige Erlebnisse die sich im Gedachtnis festsetzen: Bei wolkenlosem Wetter ist der naechtliche Himmel mitten auf See sternenuebersaet und atemberaubend. Man sieht dann fast immer Sternschnuppen.

12.12.2001 nehme ich waehrend meiner dreistuendigen Nachtwache mindesten drei Dutzend zur Kenntniss. An diesem Tag sehen wir auch zum ersten Mal einen Wal. Es ist eine recht kleine Art und wir koennen nicht sagen welche. Er surft wie ein Delphin in einer grossen Welle von hinten heran, so dass man ihn unter der Wasseroberflaeche sehen kann. Etwa auf Bootshoehe dreht er sich. Man sieht seine hellere Unterseite aufblitzen bevor er dann in die Tiefe oder unter unser Boot abtaucht. Nach einer Weile taucht er in einer anderen Welle wieder auf und surft erneut heran. Am folgenden Tag kommt er wieder und das gleiche Spektakel geht von vorne los. Diesmal gelingen mir - glaube ich - einige gute Diaaufnahmen. Am gleichen Tag fangen wir auch um 15:50 einen Mayday (Hilfe-) Ruf der HEYA, einem Regattateilnehmer aus der Schweiz auf. Andere Boote sind naeher an deren Position und so halten wir weiter unseren Kurs. Einige Atlantikueberquerer haben auf dem Weg Probleme: kaputte Segel und Baeume, angebrochene Masten, ausgefallene Motoren und Ruderschaden habe ich von zwei Booten gehoert. Bei einem Franzosen passierte dieses soweit auf dem Atlantik, dass ihn kein Schlepper holen konnte oder wollte. Er - und alles was von Wert war - wird von einem englischen Segelschiff mitgenommen. Da er sein Boot auf offener See verlaesst, ist er gezwungen es selbst zu versenken. Ein italienisches Schiff hat einige hundert Seemeilen vor St. Lucia ebenfalls das Ruder gebrochen. Ein erster Schlepper faehrt aus um ihn einzuholen, muss aber aufgrund eines Motorschadens umkehren. Ein zweiter Schlepper faehrt aus, muss aber ebenfalls umkehren, da der Sprit nicht reicht. Mit dem dritte Schlepper laufen sie dann nach fast vier Wochen endlich im Hafen ein. Mann ueber Bord oder Todesfaelle sind aber waehrend der gesamten Regatta nicht zu beklagen.

Auf der Ueberfahrt lag die Nachttemperatur immer konstant bei 26,5 Grad Celsius und ging tagsueber auf 30 Grad hoch. Auch das Barometer zeigte meist konstante Werte an die langsam zwischen 1014 und 1020 Bar schwankten. Ein Aenderung um zwei Bar in kurzer Zeit kann in diesen Breiten jedoch bereits kritisch werden. Die Winde sind meist oestliche und liegen zwischen 10 und 25 Knoten plus der Bootsgeschwindigkeit, meist um die 5 bis 7 Knoten. Lediglich an zwei Tagen herrscht fast Windstille und die See wird flach wie ein Tisch. Die Wellenhoehe lag meist zwischen 1 - 3 Metern. Sogenannte "freak waves", gelegentliche Wellen die 2 -3 mal so hoch wie "normale" Wellen werden koennen, haben diesen Wert gelegentlich ueberboten. Lediglich an den letzten Tagen der Reise verschlechterte sich das Wetter. In der Nacht des 13. Dezember sinkt das Barometer auf 1010 Bar. Wolken verdecken den Sternenhimmel ganz und einzelne Squalls mit Windstaerken bis an die 40 Knoten heran (inklusive der Bootsgeschwindigkeit) ziehen ueber uns hinweg.

14.12.2001 - 15.12.2001 sind auch recht bewoelkt und verregnet, so dass man die meiste Zeit unter Deck verbringt. Einziger Vorteil des Regens: Man kommt mal wieder in den Genuss einer Susswasserdusche, denn die Wassertanks waren aufgrund eines Lecks in einem der beiden Tanks bereits nach zwei Wochen leer. Den Rest der Reise bedeutete dies: Salzwasser mit einem angeseilten Eimer ueber die Reiling holen und sich auf dem Deck waschen.

16.12.2001 Es klaert sich das Wetter wieder leicht auf. 4 kleine, aber sehr vitale Delphine schwirren wie Torpedos um das Boot herum. Waehrend der Nachtwache wechselt der Wind manchmal ploetzlich um bis zu 15 Grad. Nach drei Wochen auf See sehnt sich jeder an Bord wieder nach festem Boden unter den Fuessen, einer Dusche mit Suesswasser, etwas anderem zu sehen als nur Himmel und Meer und neue Leute zu treffen. Aber Morgen früh werden wir ankommen.